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Was ist denn so typisch Hannover?

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Ein Jahr geht in sein letztes Quartal. Die Oktober-Sonne zeigt sich von ihrer charmantesten Seite und der weltbeste Detektivhund und ich schlendern durch die Altstadt. Mit dem Beginn des Wintersemesters belagern adrett gekleidete Erstis bei sonntäglichem Kaffee & Kuchen zusammen mit ihren Eltern die örtlichen Café-Institutionen und es erscheint fast ein bisschen so als ob das gegenseitige Loslassen in den jeweils neuen Lebensabschnitt erst mit diesem finalen und betont familientraditionellen Sahnehäubchen als endgültig besiegelt gilt.

So sind auch die Vibes – die der Ballhofplatz durch diese zahlreichen Neuankömmlinge in der Stadt an meinen Terrassentisch im Teestübchen sendet – eine komparable Melange aus erwartungsvoller, unruhiger Aufbruchsstimmung, unbeholfenem Umgang mit der drohenden Situation des immer näher rückenden Abschiednehmens und ungetrübter Freude auf den baldigen Genuss der erstkassigen, lokalen Kuchen- und Kaffeespezialitäten.

Unterwegs in der Burgstraße am Ballhof

Aufgrund des ungewöhnlich hohen Andrangs an diesem Tag zieht sich Letzteres etwas in die Länge. Ich beobachte wie Tische sich leeren, zügig neue Studenten mit ihren Eltern nachrücken und erinnere mich an meine eigenen Studienanfänge zurück. Wahnsinn, was da am Anfang alles geballt auf einen hereinströmt?

Gut. Ich war damals nur im benachbarten Ausland, das Internet gab’s auch noch nicht und es dauerte ganze drei Wochen bis ich in der Lage war Schwiizerdütsch in Hochdeutsch aufzudröseln. Heutzutage bekäme ich ja mit wenigen Klicks viel viel mehr Informationen im Vorfeld. Aber was verbinden denn heute Menschen, die planen für eine längere Zeit nach Hannover zu gehen, mit dieser Stadt? Wie meinen sie ist diese Stadt? Für was steht die Leinestadt? Was ist typisch für Hannover?

Am Ballhof

Genau mit dieser Frage setzt sich die aktuelle Ausstellung Typ?!isch Hannover im Historischen Museum auseinander, welches nur wenige Schritte vom Ballhof entfernt liegt. Spontan entscheide ich mich für einen Besuch, zahle mein Kaffeegedeck, biete dem nächsten Ensemble aus der wartenden Studi- & Elternschlange meinen Platz an und überzeuge den Hund mitzukommen.

Eingang Historisches Museum

Leider ist die Dame am Empfang des Museums nicht der Meinung, dass Hunde typisch Hannöversches sehen sollten 😉 also binde ich Pommeroy draußen an einer Stange direkt neben der Eingangstür fest – wohlwissend, dass damit nun wohl der schnellste Museumsbesuch in der Geschichte meiner bisherigen Musemsbesuche soeben eingeleitet wurde.

Zusätzlich zu meinem Eintrittsticket erhalte ich eine kleine Tüte mit Plastikchips überreicht auf denen „Typisch Hannover“ geschrieben steht und man erklärt mir freundlich, dass ich damit an Stationen in der Ausstellung meine Stimme für etwas meiner Meinung nach wirklich Typisches für diese Stadt abgeben kann. Kurz und knapp und ad hoc für mich selbst beantworten kann auch ich diese Hannover-Frage nicht.

Das Entrée des Historischen Museums in Hannover

Bitte entschuldigt die Qualität der Bilder, die ich dieses Mal mitbringe. Doch ich kann bereits an dieser Stelle meines Ausstellungsbesuches die herzerweichenden Klagegesänge des weltbesten Detektivhundes von draußen durch so ziemlich alle Hallen des Museums schallen hören. Die Bilder sind die kleine Ausbeute meines insgesamt zehnminütigen Rundgangs und spiegeln nur einen winzigen Teil des Angebotes der Museumswissenschaftler wider, die auf der Grundlage von historischer Überlieferung und in der Auseinandersetzung mit der Stadtgeschichte einige als typisch für die Stadt anzusehenden Phänomene hier zusammengestellt haben. Dazu gehören:

Die hannoverschen Wahrzeichen

Am Beginn der Ausstellung

Neben zahlreichen gerahmten alten Bildern bspw. vom Maschsee, den drei warmen Brüdern (Heizkraftwerk in Linden) oder der Hochstraße am Aegi lädt das Museum alle Bewohner und Bewohnerinnen der Stadt dazu ein ihre Vorstellung vom typisch Hannoverschen aktiv in die Ausstellung einzubringen und sieht bewusst Leerstellen vor, die von den Museumsbesuchern gefüllt werden können.

Denn die Vorstellungen vom Typischen sind vielfältig und abhängig von Lebenserfahrungen, Wertvorstellungen und Blickwinkeln auf die Stadt. Die Ausstellung möchte diese Vielfalt der Meinungen abbilden und „Typisch Hannover“ zur Diskussion stellen. In der Ausstellung gibt es zudem die Möglichkeit, über Themen abzustimmen.

Was ist für die Leute, die hier leben typisch Hannover?

Wahrzeichen Hannovers

Ihr persönliches Wahrzeichen?

Made in Hannover

wie zum Beispiel Fahrzeuge von der Hannoverschen Maschinenbau AG Hanomag

Made in Hannover

die Transporterstadt Hannover

Transporter Stadt Hannover

die Hannoversche Architekturschule

Georg Ludwig Friedrich Laves (1788-1864), prominentester Architekt im Königreich Hannover, baute 1842 ein Monument als Grablege für Carl von Alten. Hier arbeiteten zwei „Stararchitekten“ des 19. Jahrhunderts zusammen, denn am Bau war auch der junge Conrad Wilhelm Hase als Bauführer und Polier beteiligt. Laves stand für den Klassizismus, Hase sollte ein starker Vertreter der Neogotik werden. Für die Grablege modellierte Hase die Formziegel. Er selbst beschrieb den Bau später als Ursprung der hannoverschen Architekturschule, als „Anfang der Hannoverschen Backstein Architektur“.

Ursprungsstein der Hannoverschen Architektenschule

Conrad Wilhelm Hase mit Studenten im Hof der Polytechnischen Hochschule

Conrad Wilhelm Hase mit seinen Archtitekturstudenten im Hof

Hase war von 1849 bis 1894 Lehrer an der Polytechnischen Hochschule. In dieser Zeit studierten über 1.000 Architekten bei ihm. Auch dadurch erklärt sich die weite Verbreitung von Bauten im Stil der Hannoverschen Architekturschule in Norddeutschland und darüber hinaus. Auf dem Bild inszenieren sich die jungen Architekten mit einer Vielzahl von symbolischen Objekten. Am linken Bildrand etwa hält ein Mann einen Backstein, der auf einem Hocker liegt. Ein Verweis auf das bevorzugte Baumaterial.

Plastikchip Behälter zum Abstimmen für typisch hannoversche Sachen

Meine Plastikchips wandern zur Hälfte in die Sammelstelle für die Hannoversche Architekturschule, denn schließlich ist die Gästeresidenz PelikanViertel auch ein Gebäude aus jener Zeit.

Bolzenbügeleisen

Auch dem Bolzenbügeleisen-Design haben sich die Architekten dieser Zeit gewidmet 😉

Die Welfenstadt

Hannover ist auch eine Welfenstadt

Achtet doch mal auf das kleine Türchen, rechts in dem Modell.

Im Welfenschloss

Da gucke ich gerade mit der Kamera durch 😉

die Expo- und Messestadt

Expo 2000

Von einer unbekannten Quelle über die Hannover Messe: Als 1947 die erste Hannover Messe eröffnet wurde, gab es nicht viel zu essen: Fischbrötchen mit Wein, der mit Wasser gestreckt werden musste. Aber es gab schon wieder viel zu sehen: den damals kleinsten Dieselmotor der Welt, ein Radiogerät für alle möglichen Stromstärken, auch einen zusammenklappbaren Kinderwagen. Nur kaufen konnte man nichts. Die meisten Güter waren nur gegen Devisen erhältlich und für den Export bestimmt. Der Texter einer Karikatur von damals sagte: „Ja, liebe Frau, auf dem schwarzen Markt sieht man nichts, kriegt aber alles. Auf der Hannover Messe sieht man alles, kriegt aber nichts.“ Heute kriegt man hier mehr als man sieht.

Die Expo- und Messestadt an der Leine

Und 1955 schon eine Kugelwaschmaschine 😉

Nachkriegswaschmaschine

Es folgen weitere Bereiche über Hannover wie

die Großstadt im Grünen, die Pferdestadt, das Hallenhaus und noch mehr Typisches

Noch mehr Typisches aus Hannover

die Stadtprominenz

Stadtprominenzen Hermann Löns und Georg Ludwig Friedrich Laves

Und wen sehe ich da? Ja genau, Charlotte Buff, die mir ja schon in der Ausstellung Reklamekunst in Hannover kürzlich im August Kestner Museum „aufgefallen“ war. Immer noch sehr viel unterwegs die Gute. 😉

Freiherr von Knigge und Charlotte Buff

Stadtprominenzen Rudolf Hillebrecht und Kurt Schwitters

die Straßenkunst

und die einstigen Protestmärsche dagegen

Bilder zur Straßenkunst in Hannover

oder aktuelle Streetart

Streetart in der Leinestadt

oder die heute – für Hannovers Stadtbild – so typischen Nanas der Künstlerin und Ehrenbürgerin der Leinestadt „Niki de Saint Phalle“

Stadtwahrzeichen Nana

Notizwand für Plätze, die so typisch Hannover sind

Am Ende meiner rasanten Tour durch diese Ausstellung bin ich beim Thema Imagepflege angelangt. 1972 beauftragte die Stadtverwaltung einen Imagepfleger damit, das öffentliche Bild der Stadt aufzupolieren. Mike Gehrke initiierte Flohmärkte, Altstadtfeste, Konzerte und profilierte den Jazzclub auf dem Lindener Berg zu einer renommierten Adresse. Eine seiner ersten Aktionen war der als demoskopische Studie deklarierte hintergründig-humorvolle Versuch, den typischen Hannoveraner zu bestimmen.

Der typische Hannoveraner ist

Damals wie heute ist es nicht leicht zu beschreiben, was genau typisch für Hannover ist. Es sind viele, ganz unterschiedliche Dinge die Hannover ausmachen. Und das liegt wohl größtenteils auch daran, dass der typische Hannoveraner norddeutsches Understatement gerne pflegt, nicht ständig laut ausposaunen muss wie wundervoll er seine Stadt findet und seine Liebe zu ihr im Stillen genießt. Er kann es geduldig ertragen, wenn ihr vorgeworfen wird sie sei langweilig, mittelmäßig, hässlich, provinziell und unspektakulär. Denn, nur wer hier lebt, weiß genau, dass dem nicht so ist und würde um nichts in der Welt diese wohlige Behaglichkeit in der vermeintlichen, städtischen Zweitklassigkeit gegen die lauten Phänomene gehypter Metropolen eintauschen wollen.

Am Historischen Museum - Burgstraßenseite

Ich erlöse meinen Hund, der sich hörbar freut mich wiederzusehen, von seinem „langen“ Warten vor der Eingangstür des Museums.

Am Ballhof im Oktober

Wir bummeln noch einmal am – immer noch sehr belebten – Ballhofplatz vorbei, gehen in Richtung Leine und genießen einen Nachmittag, der neben fantastischem Herbstwetter viel typisches und schönes Hannover drumherum zu bieten hat.

Leine, Nanas und ein hohes Ufer

Jede Stadt hat ihr unverwechselbares Profil. Es setzt sich zusammen aus der topografischen Lage und der Einbettung in eine Landschaft, dem Stadtbild mit seinen markanten Gebäuden und der Verkehrsinfrastruktur, der politischen Geschichte, den gewachsenen wirtschaftlichen Strukturen, den über Jahrhunderte etablierten Traditionen und Gebräuchen, der Festkultur und bedeutenden Ereignissen, die im Geschichtsbewusstsein der Menschen verankert sind.

Typ?!isch Hannover

31.08.2016 – 06.08.2017

Historisches Museum Hannover
Pferdestraße 6 (Eingang Burgstraße)
30159 Hannover

Fußweg vom Hauptbahnhof ca. 12 Minuten
Mit der U-Bahn-Station Markthalle-Landtag (Linien 3,7,9) ca. 5 Min. Fußweg

Öffnungszeiten

Dienstag 10-19 Uhr
Mittwoch bis Freitag 10-17 Uhr
Samstag und Sonntag 10-18 Uhr
Montag geschlossen

Eintritt

Kinder ab 5 Jahren und Schüler in Gruppen 1 Euro
ab 12 Jahren 4 Euro
Erwachsene 5 Euro, ermäßigt 4 Euro
freitags freier Eintritt

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