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Atelierrundgang durch Hannover List…

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Dass es einen Atelierrundgang in der List geben wird, erfahre ich – über einen zufällig entdeckten Presseartikel – exakt zwei Tage vorher. Dabei jährt sich diese Möglichkeit, einen Einblick in die Arbeitsräume der hiesigen Kunstszene zu erhalten, schon zum vierzehnten Mal.

Als reinen Kunstgenießer, nicht als Experte, zieht es mich ziemlich regelmäßig in Ausstellungen, Galerien oder Museen von ganz unterschiedlicher Couleur  – denn prinzipiell interessiert mich daran alles, immer schon.

Mit diesem Angebot eines Atelierrundgangs durch Hannovers Stadtteil List hat es jedoch noch eine weitere, besondere Bewandtnis – es gibt ein I-Tüpfelchen obendrauf, eine Kirsche auf der Sahne, ein Supplement im Genuss – denn man kann nicht nur die Werke der Kunstschaffenden bestaunen, sondern auch den jeweiligen Künstler dahinter in seinem Atelier kennenlernen. Und das immer am ersten Sonntag im November.

In diesem Jahr ist dieser Tag ausgerechnet der Monatserste, was für mich bedeutet, dass ich nicht das ganze, dafür geöffnete Zeitfenster von 11.00-18.00 Uhr zur Verfügung habe – ich komme erst gegen 15.00 Uhr los und entscheide mich daher kurzerhand dafür, den Atelier-Rundgang in eine Atelier-Rundfahrt umzuwandeln. Der weltbeste Detektivhund begleitet mich und wir überlegen, wie ich die meisten Künstler innerhalb der kurzen, noch verbleibenden Zeit sehen kann. Wir beschließen einstimmig nur diejenigen Atelierräume anzufahren, an denen mindestens zwei Künstler ausstellen und fahren zuerst in die Rühmkorffstraße Nr. 3…

Atelier der Künstler Leiv Warren Donnan und JoHannes Lühn, zu Gast Wiebke Otte

Rühmkorffstraße 3

Luftballons weisen mir den Weg…

Ateliereingang mit Werken von Wiebke Otte

Das Atelier, das sich an diesem Tag gleich drei Künstler teilen, befindet sich im Souterrain. Die Werke von Wiebke Otte, deren Arbeitsschwerpunkte illustrative und freie Zeichnungen sind, bilden den Auftakt und ihre Musiker, Tänzer und gestischen Zeichnungen mit anthropomorphen Anklängen begrüßen mich gleich im Eingangsbereich; darunter ist auch die in der Broschüre zum Rundgang abgebildete Oboistin (obere Reihe, rechts, ganz außen).

Zeichnungen Wiebke Otto

„Unmöglich: – Rhythmus in Geste in Linie in Betrachtung in Rhythmus verwandeln. -Figürliche Zeichnungen mit rhythmischen Notationen kombinieren – Bewegung festhalten – Rhythmus betrachten – Die Räume und Beziehungen zwischen Tanzenden abbilden. Einen Bewegungsablauf zu einer Linie, eine Zeitspanne zu einem Objekt machen.“ Quelle: Esther Orant, Kunsthistorikerin
Wiebke Otte - illustrative und freie Zeichnung

Da sich Wiebke Otte bereits in einem Gespräch mit einem anderen Besucher der Ausstellung befindet, frage ich sie nur kurz,  ob ich Fotos machen darf, was sie freundlicherweise bejaht. Danach schlängele ich mich langsam an weiteren Werken und Besuchern vorbei und gelange in die Arbeitsräume der Künstler JoHannes Lühn und Leiv Warren Donnan…

Die Kunst ist eine Kunst

Kurt Schwitters pfeift auf Ideale

…wo mir, als erstes Kurt Schwitters – der berühmteste, in der Kunst schaffende Sohn dieser Stadt, schon entgegenpfeift. 😉

Kollagen - Mischtechnik auf Leinwand von JoHannes Lühn

JoHannes Lühn selbst kann ich nicht entdecken, doch seine Kollagen – Mischtechnik auf Leinwand – sind ebenso präsent, wie seine Kleinplastiken und Akte.

Plastiken

Akte von JoHannes Lühn

Und dieser freundliche Herr, der mir dort gerade sein Geheimversteck für seine – nur wegen der Ausstellung versteckten –  Utensilien zeigt, ist Leiv Warren Donnan. Normalerweise wird hier ja gearbeitet 😉 Mit dem gebürtigen Australier, der lange in Berlin lebte und seit 1972 Hannoveraner ist, komme ich leicht ins Gespräch…

Leiv Donnan und sein Geheimversteck

…mein Blick bleibt an dieser Zeichnung hängen und ich frage ihn danach, wer dort abgebildet ist…

Wer ist er denn?

Was folgt, ist ein Griff in eine Schublade. Der Künstler Leiv Warren Donnan, dessen Arbeitsschwerpunkte expressive-figurative Malerei und Graphik (figures in motion) sind, holt eine Mappe mit gezeichneten Indianer-Häuptlingen hervor  – die er eigentlich immer schon mal zu einem Bildband zusammenfassen wollte.  Wir plaudern ganz locker über seine Werke und ganz nebenbei komme ich in den Genuss etwas über seine unterschiedlichen Schaffensperioden zu erfahren. Leider gelingt es mir nicht, weitere Werke von ihm zu fotografieren, da der Atelierraum mittlerweise mit vielen Kunstinteressierten gefüllt ist. Merkt euch mal die Rühmkorffstraße und schaut sie euch selbst an, lohnt sich. Das Bild an der Wand zeigt übrigens Lone Wolf…

Lone Wolf von Leiv Donnan

Indianer Häuptlinge von Leiv Donnan

White Bear von Leiv Donnan

Tatanka Yotanka

Mit dem Sympath Leiv Warren Donnan hätte ich mich noch Stunden weiter unterhalten können und zu gerne mit ihm in alle anderen Schubladen geschaut… doch die Uhr meint es nicht gut mit mir und ich muss gehen; jedoch nicht, ohne euch dieses Ensemble – bei dem ich schmunzeln musste – gezeigt zu haben… 🙂

Löwe und Bär

Auf meinem Weg nach draußen verabschiedet mich durchs Fenster noch eine weitere Arbeit von JoHannes Lühn.

Eingang Atelier Donnan, Lühn, Otte

Der weltbeste Detektivhund hebt nur kurz seinen Kopf als ich wieder ins Auto steige. Er grunzt kurz freudig mit seiner tiefen Stimme zur Begrüßung und legt aber sofort seinen, vom Schlaf – durch verquer liegende Hautfalten – leicht derangiert wirkenden Schädel wieder entspannt ab, als ich den Motor starte um Richtung Isernhagener Straße 53 zu fahren.

Die Parkplatz-Götter sind mir gewogen an diesem herrlichen Herbstsonntag und ich finde eine Lücke in der Nähe der nächsten Station…

 Isernhagener Straße

Bildarium – Atelier der Künstler Wilfried Ohrenberg und Michael Scheffler, zu Gast Franz Betz und ein gewisser Deelorean… der nicht im Programmheft stand 😉

Auch hier wieder wegweisende Luftballons zur Orientierung…

How are you

… sowie Kaffee, Kuchen und Getränke zur Begrüßung…

Eingang Bildarium

Vor dem Bildarium treffe ich gleich den Lichtbildhauer Franz Betz aus der Ateliersgemeinschaft an und wir kommen so ins Gespräch über seine Arbeiten und die Möglichkeit mittels seiner Workshops auch selbst Lichtskulpturen herzustellen. Wer von euch auf der Ihme Vision, dem im September diesen Jahres erstmalig auf die Beine gestellten Open Light Festival vor dem Ihmezentrum war, dürfte dadurch schon – zumindest unbewusst – mehr von Franz Betz gesehen haben als ich an diesem Tag verwendbar vor die Kameralinse bekomme…

 Lichtskulpturen Betz

Als ich in den zweiten Atelierraum wechsle, treffe ich einen jungen Künstler aus Linden an, der Bilder dort positioniert. Seine Bilder. Es sind Deeloreans, wie er sagt. Die klingen so ähnlich wie die Automarke ;-).

Deelorean

Deeloreans…

Ich schaue mich weiter in dem Raum um –  einen Einblick in die Arbeitswelt von Michael Scheffler erhaltend – der sich schwerpunktmäßig mit 2D und 3D Animationen sowie klassischen Drucktechniken beschäftigt. Holzschnitte, Linoldruck und Radierungen sind von ihm verwendete Arbeitstechniken für seine große Leidenschaft, die historische Druckkunst.

Möwe mit Anker

Linoldruck Werkbank

Auffällig in diesem Bereich des Ateliers sind zudem auch die zahlreichen Drahtskulpturen an der Wand, insbesondere dieses Schiff.

Schiff an dem das Herz hängt

Und dann ist da noch ein geheimnisvoller Keller… in dem weitere, schöne Drahtskulpturen von Wilfried Ohrenberg auf mich warten.

Eingang Skulpturenkeller Ohrenberg

Oh Oh… die Raumhöhe des Kellers ist etwa 10 Zentimenter zu niedrig für mich geraten 😉 ich gehe in geduckter Haltung durch die „Höhle“ und lasse die filigranen und zugleich sehr plastischen Drahtbilder und Drahtskulpturen auf mich wirken.

OO

Ohrenberg Skulpturen

Raum Keller Ohrenberg

Keller Ohrenberg

Wilfried Ohrenberg selbst frage ich im Anschluß an meinen kleinen Rundgang nach den Preisen für seine Skulpturen und er fragt gleich zurück, ob ich eine spezielle im Auge hätte. Die, die ich favorisiere, ist die an der sein Herz am meisten hängt – da sie bereits auf mehreren Ausstellungen gewesen ist…

Gitarre und Schlitten

Mein Blick auf die Uhr verrät nichts Gutes. Jetzt aber Galopp, wenn ich noch ein weiteres Atelier sehen will. Dem Hund scheint es egal zu sein, dass es nun mit dem Auto weiter geht und nicht auf einen Spaziergang und so fahre ich weiter durchs Lister Viertel, diesmal mit dem Ziel Goebenstraße 4…

Auf dem Weg in die Goebenstraße 4

Parkplatz-Götter sind an Kunst interessiert, anders kann ich es mir nicht erklären, dass ich auch hier wieder direkt vor der Türe ein freies Plätzchen finde…

Atelier der Künstler Guido Kratz und R.F. Myller, keine Gastkünstler 

Ateliers Guido Kratz und R.F. Myller

…im Hinterhof…

Hinterhof Goebenstraße 4

Das Atelier

Als ich im Atelier eintreffe ist Guido Kratz – dessen Arbeitsschwerpunkte sich um Keramik, Workshops und Kunst drehen – in ein Gespräch mit einem Besucher vertieft. Seine aktuellen Arbeiten in der künstlerischen Auseinandersetzung mit dem Werkstoff Keramik sind Werke zum Thema „Gefäß“. Das Wort Gefäß beschreibt – laut Guido Kratz – dabei nur die formale Identität im Prozess der Herstellung von umschlossenen Raum. Seine „Gefäße“ sind nicht geschaffen, um Gegenständliches aufzubewahren, sondern ziehen ihre Daseinsberechtigung aus der schieren Präsenz. Oder anders und vom Künstler selbst auf seiner Seite einfach formuliert: „völlig sinnlose Gefäße und Skulpturen, die die Wände hochkriechen…“

Gefäße von Guido Kratz

Große Vase Guido Kratz

…im Atelier präsentieren sich nicht nur „sinnlose Gefäße“ 😉

Bilder-Guido-Kratz-

Werke Guido Kratz

Nach den Arbeiten von Guido Kratz gelange ich in die hintere Hälfte des Atelierraumes, zu R.F. Myller.

Bilder-Myller

Bücherregal

Pinsel Myller

Das Reich von R.F. Myller zeigt abwechslungsreiche, experimentierfreudige Kunst. Über den Pinselstrich finden sein ausgeprägtes, historisches Interesse und seine eigene, persönliche Geschichte zu einer Melange. Auch seine farbintensiven Landschaften, mit ihren angerauhten Oberflächen, bilden durch die Verwendung vielzähliger Farbschichten nicht einfach ab. Seine Experimentierfreude und die Freude am Machen, dem Arbeiten mit dem Material schlägt sich zudem in seinen Holzschnitten nieder.

Bilder-R.F

Frau am Meer

Ohne zu zögern stimmt er einem Foto zu. Auf meine Frage hin, welches sein persönliches Lieblingsbild ist, zeigt er sofort auf das Ölgemälde hinter sich. Darauf abgebildet ist seine Mutter, also wieder ein Bezug zur eigenen Vergangenheit. Sie musste nach 1945 als Kind aus Ostpreußen fliehen, was R.F. Myller in ihrem „Porträt“ unten rechts darstellt. Das Kernthema dieses Bildes mit dem Namen „Vermächtnis“ ist aktueller denn je. Flucht. Gestern. Heute.

 R.F.Myller mit Lieblingsbild

An der Wand entdecke ich Paletten. Seine alten, benutzen Farbpaletten…

Farbpaletten

… und Staffeleien, die in der Ecke stehen und mit viel Farbe bekleckst sind…

Staffeleien

„Die Kunst gibt nicht das Sichtbare wieder, sondern macht sichtbar.“ Paul Klee

Was sie sichtbar macht, ist eigene, subjektive Interpretation… es sei denn, man kann den Künstler direkt dazu befragen, so wie ich auf diesem Atelierrundgang. Ich fand diese Möglichkeit des Kunstgenusses mal sehr schön, würde es jederzeit wieder tun, doch das nächste Mal mit mehr Zeit für Gespräche zwischendrin…

 Das ist kein Bild von Myller

„Kunst gibt es nur für und durch den anderen.‘‘ Jean Paul Satre

…mein Blick richtet sich beim Verlassen des Ateliers auf den Boden, wo sich aus bunten Farbresten ein wohl einzigartiges „Gemälde“ verabschiedet..

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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